Zurück vom Fullmoon-Festival 2007

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Fotos liegen (sobald sie fertig hochgeladen sind) hier

Das Festival war, sagen wir mal “durchwachsen”, was nicht allein am Wetter lag. Aber auch nicht wenig am Wetter – wenn es fast die Hälfte der Acts verregnet und zwischendurch hauptsächlich saukalt ist, dann will die wahre Feierlaune natürlich nicht so recht aufkommen.

Auch die Auswahl der Künstler konnte nicht immer wirklich begeistern – ich war sicher nicht der einzige, der bei den unsäglichen Penta auf dem einen und den am Rande der Zumutung rangierenden Analog Pussy auf dem anderen Floor einfach nicht mehr einsehen konnte, wozu er sich noch weiter den Allerwertesten abfrieren sollte und sich ins “warme” Zelt verzog. Um eins ins Bett – auf einer Goa-Party. Das hätte ich mir auch nicht so schnell träumen lassen.

Apropos “Penta”: grauslich, hirnlos und allem Radau zum Trotz stinklangweilig war das Terrorgedresche von Penta, Digitalist und ein paar vollkommen identisch klingenden Krawallcombos – nicht aber das von den Jellyheadz, die waren meiner Meinung nach einfach göttlich. Aber dazu später mehr; erst bekommen die genannten -und ungenannten- Herrschaften (samt des erzblöden Go-Go-Girls) ihr Fett weg: Mir ist (vermutlich als einzigem hier) bewusst, dass das Konzept der tonalen Musik bereits seit über hundert Jahren als überholt gilt. Auch sind meine Ohren von Black Flag bis Skinny Puppy einiges an disharmonischen Arrangements gewohnt, kurz: ich mag eine zünftige Ohrenfolter unter Umständen ganz gerne. Nur sind diese Umstände sehr genau umrissen: Es muss schon eine künstlerische Intention dahinterstecken, welche sich am besten durch genau diesen Höllenlärm ausdrückt. Punkt. Einfach nur liebloses, sich öde wiederholendes Gekrächze vor einer schnellen, schlechten Rhythmusgruppe hingegen bleibt genau das: lieblos, und öde. Da helfen auch keine 152 Beats pro Minute.
Die Tatsache, dass alle diese Formationen (sowie einige der “konventionellen” Full-On-Projekte) wiederholt versuchten, strukturelle und tonale Wechsel in ein und den selben Break zu stopfen, schaffte die endgültige Gewissheit, dass hier schlicht und einfach Dilletanten am Werk sind, die auf gut Glück Tracks mit beliebigem, austauschbarem Geräuschmüll füllen.

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Dass es auch anders geht, zeigten Jellyheadz: Nachdem ich mich vom ersten Schrecken erholt hatte, war ich vollkommen begeistert: ein geradezu absurdes, rigide minimalistisches musikalisches Konzept, das aller Vernunft zum Trotz gnadenlos durchgehalten wurde – und eine ungeahnte, archaische Energie aus dieser selbstauferlegten Monotonie entfaltete. Jeder Riff hat mindestens einen, komplett mit Sechzehntelnoten genau einer Tonhöhe gefüllten Takt. Keine Pausen, keine Änderung der Tonlage innerhalb des Riffs. Die einzigen erlaubten Tonwechsel erstrecken sich auf einen bis drei Halbtöne. Es ist eigentlich unmöglich, so Musik zu machen – es sei denn, man heisst Jellyheadz und vermag es nicht nur, dabei dank Originalität und rhythmischer Ausgebufftheit tatsächlich abwechslungsreich und überraschend zu bleiben, sondern das unaufhaltsame Wüten einer monoton zermalmenden, destruktiven Idiotie -der Geschichte nämlich- eindrucksvoll und ohne jedes weitere Wort der Erklärung zu abstrahieren. Dazu müssen andere dicke Bücher schreiben, die kein Mensch begreift – die Jellyheadz brauchten 30 Sekunden um den ganzen Nihilmus nicht nur in Töne zu packen, sondern dem ganzen auch noch einen jeder Logik widersprechenden Drive zu verpassen, der einen so schnell nicht wieder loslässt. Dazu er, der grandiose Frontman der Krawallbrüder, der -angezogen wie der Bösewicht aus einem eulenschlechten Horrorstreifen- fuchtelnd und irrlichternd hinter den Pulten tobte und sich das Lachen über den wirklich unheimlichen und geradezu ausserirdisch bösen Anblick, den er und seine Fangemeinde so boten selten verkneifen konnte. Tatsächlich mutete das gesamte “Ritual” aus nur leichter Ferne betrachtet angsteinflössend an: einige hundert dunkle Gestalten in ominösen Druidengewändern, die sich eigenartig gelassen zu einem rasenden, kellertiefen und gnadenlos monotonen Höllenlärm bewegten – so ungefähr muss die ursprüngliche Techno-Bewegung auf die fassungslose Generation unserer Eltern gewirkt haben. Als wären dies der Parallelen nicht genug, entpuppte sich die Szene dem Unerschrockenen, der dies wagte, bei Annäherung als durchaus heiter, genaugenommen als Riesenspass – denn die scheinbaren Fürsten der Finsternis grinsten sich nicht nur eins, sie kugelten sich förmlich vor Lachen über die infernalische Show, die sie da im Morgengrauen abzogen und hiessen mit verschwörerischem Lächeln jeden willkommen, der den Joke begriff und mitmachte.

An grossen Überraschungen war das aber auch so ziemlich alles, was das das FMF heuer für mich zu bieten hatte – für die gelegentlichen, urplötzlichen Platzregen konnte schliesslich niemand etwas.

Die meisten der bekannteren Acts lieferten recht solide Performances ab, sei es nun Astrix, der ein sehr angenehmes Gegenbeispiel zu den notorisch verhunzten Breaks der jüngeren FullOn-Protagonisten bot – der liess nicht nur entweder Bass oder Drums aus der Reihe tanzen, sondern liess auch bei anderen Feinheiten keinen Zweifel daran, dass er zum einen tatsächlich live performte, zum anderen sehr gut weiss, wie man einen Set auflockert, ohne Konsistenz oder Beat zu verlieren. Das gleiche konnte man -je nach Geschmack mehr oder weniger- auch von den anderen Routiniers etwa von DNA, Sirius Isness und dem hochgehandelten Newcomer PTX behaupten – trotz hoher Erwartungen enttäuschte ganz sicher nichts an deren Sets – einzig bei Bliss vermisste ich ein wenig Lebendigkeit; ich habe gleichlautende, aber auch ganz andere Meinungen über deren Auftritt gehört, will mir also keinesfalls mehr als ein rein subjektives Urteil erlauben – es kann gut sein, dass mir noch die absolut und unzweifelhaft völlig in die Hose gegangene Session vom Auftakt des Festivals in den Gliedern steckte. Aber auch hier hatte ich das Gefühl, dass eher mangelnder Monitorsound die Schuld trug, als musikalisches Unvermögen.

Positiv -und das musste man sogar Analog Pussy zugestehen- war zu bemerken, dass eine Menge mehr live eingespielt und wesentlich mehr Energie in experimentelle und lebendige Performances gesteckt wurde, als in allzu perfekten und risikolosen Sound. Hier wurde wohl eindeutig und richtig gegen gewisse Gerüchte aus den Vorjahren vorgegangen – wenn man’s so im Nachhinein sieht, eigentlich doch eine angenehme Überraschung…

Um mich gleich nochmal Lügen zu strafen: Die erste Überraschung stellte schon der Progressive Floor dar, der vom “Streichelzoo” bzw. “Kindergarten”, wie im letzten Jahr gespottet wurde zum “Magic Circle”, wie man ihn aus vergangen Zeiten auf der -einzigen- Tanzfläche der FMF kannte, mutiert war. Allerdings wäre es auch ganz schön dreist gewesen, Ace Ventura, Symphonix und Konsorten auf einen albernen Nebenfloor wie im Vorjahr zu plazieren. Überhaupt herrschte auf dem Progressive Floor durchwegs die “erwachsenere” Stimmung, gab es nicht den leisesten Zweifel an der vollkommen ernsthaften Arbeit der Acts und war sowohl an den durchdachten Sets, als auch an der permanent spannenden und interessanten Atmosphäre abzulesen, dass dort ein sehr aufmerksames und intelligentes Publikum eher den Reiz des gekonnten Understatement suchte, als die permanente Reizüberflutung. Leider hatten es gerade die Top Acts dort besonders schwer mit dem Wetter. Trotzdem hatte man den Eindruck, als würden die’s schon eher verwinden, denn keiner der durch die Bank elaborierten und soliden Sets klang, als würde er so schnell zum alten Eisen gehören, wie so einiges, was man auf dem FullOn-Floor sah.

Stichwort “sah” – die Visuals: Sagen wir mal “durchwachsen” – was ganz bestimmt nicht am Wetter lag. Einerseits konnte ich nicht verstehen, warum man auf jeder Seite der Tanzfläche zwei Screens benutzte: Die “wahrgenommene” Tanzfläche wurde durch die äusseren Leinwände unangemessen in die Breite gezogen, was eine “Aussenzone” mit diffusem Klangerlebnis, keinerlei Blickverbindung zur Performance und sichtbar irritiertem Publikum erzeugte. Dazu stimmte wohl irgendetwas mit dem Verhältnis zwischen Breite und Höhe der Projektionsfläche nicht, denn die Hardware beinahe aller VJs ging sichtbar in die Knie und die Visuals stotterten und ruckelten unübersehbar. Dazu kam, dass die werten Kollegen wohl ihre eigene Projektion nicht live sehen konnten und die Bühne farblich im Schwarzlicht ganz anders erschien, als bei Tageslicht- ansonsten müsste man dem ersten Visual Artist des Festivals absolute Farbenblindheit unterstellen, denn seine gelb-rot-grünen Projektionen bissen sich mit der Deko und den Lasern auf das Schauderhafteste – dass sie auch noch vollkommen ausser Takt waren, gab dem Set den Rest…

Der zweite war, der Qualität seiner Clips nach zu urteilen, normalerweise wohl recht gut, er schien auch mit der Farbenlehre weniger auf Kriegsfuss zu stehen, das Geruckel machte allerdings auch hier alle Mühe eher vergebens.

Erst am zweiten Abend, als wohl jemand auf die Idee gekommen war, die Projektionsflächen anders einzuteilen und der mittlere Screen wohl abgeschaltet wurde, ging’s flüssiger. Ich gehe aus eigener Erfahrung davon aus, dass die beiden VJs der ersten Nacht nicht viel Gelegenheit hatten, vorher zu experimentieren und die Unzulänglichkeiten des Set-Ups ausbaden mussten. Mein ehrliches Beileid – aber das abscheuliche Gelb hätte es trotzdem nicht gebraucht.
Rückblickend: jetzt, wo ich erstmal mit “Nachfrieren” fertig bin, gefiel es mir immer besser. Insbesondere, da ich ein paar sehr gute alte Freunde teils seit Langem wiedergetroffen habe – und mit Techno-Leuten auf einem Goa-Fest hat man halt doch den meisten Spass.

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