Höhlenmalerei der Neuzeit

Image: Gerd Arentz (http://gerdarentz.org)
Wie soll man den Job von jemandem bezeichnen, der Symbole, Icons, “sprechende” Pictogramme geschaffen hat, von denen man erst, nachdem man sie im Katalog wiederentdeckt hat, bemerkt, dass man sie nie als Werk eines “gewöhnlichen” Graphikers, sondern als Teil der Natur, genauer als eine Art unweigerlicher Begleiterscheinung ihrer Gesetze wahrgenommen hat? Weil sie -die Icons- schon immer da waren und oft genug auf Orte und Dinge hinwiesen, denen man niemals tatsächlich begegnet ist und die eigentlich nur in Gestalt ihrer Piktogramme in der eigenen Vorstellung präsent sind?
Ich wüsste kein Wort – und leider weiss ich nicht, ob Gerd Arntz jemals ein Pictogramm für sich selbst, oder für seine Tätigkeit gezeichnet hatte. Ich vermute, schon. Er hat nämlich nicht nur über
viertausend Stück davon entworfen, sondern war sich der Tragweite seines Schaffens durchaus bewusst – weshalb er erstens sichtlich auf Konsistenz achtete, die er, in der Minimalität seiner Mittel sozusagen unter dem Radar des Zeitgeists und der modischen Diktate fliegend, über 50 Jahre hinweg wahrte; zweitens seine Icons als komplette visuelle Sprache begriff und auf den Namen “Isotype” taufte. Dies ist tatsächlich nicht übertrieben, denn Arntz illustrierte als sein Hauptwerk seit den 1930 Jahren Schlüsselbegriffe aus Industrie, Politik, Wirtschaft und Demographie.
Wie seine monotypischen Icons nimmt der Name “Isotype” eigentlich schon alles vorweg, was man darüber sagen könnte: Die Symbolsammlung wirkt wie ene Art Über-Zeichensatz, der keine Buchstaben sondern Begriffe enthält, von denen einige mit Worten nur umständlich zu erklären sind. Seine Icons aber erschliessen sich sofort und ohne jemals irgendeine verbale Sprache zu bemühen, oder der Übersetzung zu bedürfen. Tatsächlich wirkt jede verbale Beschreibung irgendwo vollkommen auf verlorenem Posten gegenüber der Masse von 4.000 mehr oder weniger “offiziellen” Bildsymbolen, von denen jedes einzelne einen oftmals abstrakten Sacherverhalt innerhalb eines Lidschlags vermittelt – darunter sehr seltene, wenige rätselhafte und viele, sehr viele tausendmal gesehene, bitter verfluchte, sehnlichst erhoffte, anekdotenbehaftete, eben alltägliche. Es zieht, wie Bruce Sterling dazu meinte, ein Jahrhundert Industriegeschichte vollständig dokumentiert vorbei. Jede nennenswerte Errungenschaft, samt ihrer Gefahren und Segnungen in genau einem wortlos verständlichen Bild.

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