Die “Piraterie” ausrotten? Ach woher denn…

vitalienbrueder (zeitgenoess.)

Bild: Wikimedia (public domain)

Slashdot hat wieder einmal so einen herrlich naiven Artikel über den "vergeblichen Kampf" der Contentindustrie gegen die bösen "Piraten" verlinkt: You will never kill Piracy. Sicher, der Autor hat schon recht mit seinen Thesen - nur hat er sich zumindest in der Auswahl seines rhetorischen Gegenübers verhoben.

Der vom Autor in der Art des offenen Briefes angesprochenen Medienindustrie dürfte wohl bekannt sein, dass ihre Angebote samt und sonders brutal überteuert sind. Das ist schliesslich kein Versehen, sondern Strategie: wie lässt sich sonst Bedarf Nachfrage an etwas (wie Musik) schaffen, für das es im Grunde keinen Bedarf gibt, ausser durch die Schaffung eines künstlichen Mangels. Sprich: absichtlich überteuerte Produkte. Wer so naiv ist, zu glauben, die -irritierend identische- Preispolitik der Medienkonzerne sei auf irgend etwas anderes, als eiskaltes, auf Profitmaximierung gerichtetes Kalkül zurückzuführen, der glaubt auch die Märchen von den Unsummen, die es verschlingen würde, eines der Schlagersternchen und Retortenprojekte, welche die Top40 ausfüllen "aufzubauen" und von den Wahnsinnssummen, die im Studio dafür verschlungen würden, ein paar Gesangsfetzen aufzunehmen, durch die Edit- und Masteringchain zu jagen und über ein paar Loops aus der Datenbank zu legen. Wer schon einmal einschlägige Fliessband-Produktions-Software in Aktion erlebt hat, wird wissen, was ich meine: von der Tonart, bis zur Tantiemenabrechnung funktioniert da alles auf Knopfdruck, ohne den Arbeitsplatz oder auch nur das Programmfenster zu verlassen...

Genauso braucht der -immerhin im nicht eben unbeleckten "Forbes" veröffentlichte- Artikel dem Contentkartell zu erklären, dass es ein aussichtsloses Unterfangen ist, der "Raubkopien" ein für allemal den Garaus zu machen. Das wissen die selbst. Das weiss mit Sicherheit auch das Forbes -die Frage nach der Zielgruppe, bzw. wen man hier genau für dumm verkaufen will, ist am Rande bemerkt, durchaus berechtigt.

Warum sollte das auch jemand wollen? Die Medienindustrie boomt, trotz der angeblichen (im Grunde könnte man auch "erstunkenen und erlogenen" sagen) Riesenverluste durch Raubkopierer. Ich würde sogar behaupten, sie boomt unter anderem wegen der "illegalen" Verbreitung ihrer Inhalte.  Schliesslich haben sich einerseits längst Mittel und eine gewisse Sorte Rechtsanwälte gefunden, um diese zu monetarisieren; andererseits ist es nach wie vor alles andere als bewiesen, dass "Raubkopien" im Endeffekt überhaupt nennenswerten Schaden anrichten. Es gibt Statistiken genug, die behaupten, dass die Verkaufszahlen von Werken, die zugleich frei (egal, ob "legal" oder "illegal") erhältlich sind, linear mit der Verbreitung der der freien exemplare ansteigen - und das gilt nachweislich auch, wenn das kostenpflichtige Werk zuerst da ist und dann eine kostenlose Variante zusätzlich angeboten wird. Loyale Fans und der Faktor der Verbreitung machen das möglich. Ich weiss zumindest einen Fall aus zuverlässiger und belegter Quelle, aber eine simple Internetsuche bringt Dutzende weitere.

Warum sollte also die Industrie ein ernsthaftes Interesse daran besitzen, das zu verändern - und warum erlaubt sie dann nicht einfach die "Raubkopien"? Gegenfrage: Warum sollte sie? Schliesslich ist sie fein raus, so wie die Dinge liegen: Zum einen schadet die "Piraterie" nicht wirklich. Aber das darf offiziell niemand wissen, beziehungsweise laut sagen. Entsprechende Sprachregelungen und Denkverbote sind seit Jahren weitgehend in Kraft.Also kann man sich nach wie vor auf die schlimmen, schlimmen arbeitnehmerfressenden und den Internationalen Terror[tm] finanzierenden Raubmordkopierer berufen, wenn man seine bereits existierende, ausufernde rechtliche Sonderstellung weiter ausbauen möchte. Zum Beispiel, um den Handel mit gebrauchten CDs oder MP3s zu unterbinden, Sonderabgaben auf Datenträger zu erpressen, oder sich praktisch zu einer zweiten Gerichtsbarkeit samt Privatarmee und eigenen "Ermittlern" zu ernennen.

Mit dem grossen Hammer dagegen geht man gegen -zugegeben dreiste- Unternehmungen wie jüngst Megaupload oder zuvor diverse Streamingseiten vor: denn hier geht es keineswegs nur um ein paar Kopien, die hin- und hergehen. Hier geht es um den heiligen Gral der Rechteindustrie: die Kontrolle über die Vertriebswege. Einzig und allein darauf, genauer, auf die Monopolisierung der Vertriebswege baut, wie man schon seit den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts in jedem besseren Buch oder Bericht über die Entwicklung der Contentindustrie nachlesen konnte, die Allmachtstellung der Major Labels auf. Genau diese Monopolstellung ist es auch, die durch die dezentrale Struktur des Internet und durch die Demokratisierung der Produktionsmittel ernsthaft gefährdet wird und genau dagegen braucht die Industrie ständig schärfere Gesetze und weitreichendere Rechte an fremder Leute geistiger Leistung. Sprich dafür braucht sie die "Piraterie".

About Tom

Der Autor weiss nicht nur (hinterher) alles besser, er ist auch seit einigen Jahren sowohl als Live-Act, Producer und VJ und noch etwas länger als Gitarrist und Bassist unterwegs. Was Computer betrifft, musste er seine ersten Programme noch in CBM-BASIC und 6502-Assembler verfassen und WAR AUCH NOCH DANKBAR DAFÜR! Etwas anderes HATTEN WIR nämlich DAMALS NICHT, IM KRIEG!!! Ausser dreimal täglich Ohrfeigen - und jetzt runter von meinem Rasen!
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3 Responses to Die “Piraterie” ausrotten? Ach woher denn…

  1. musikdieb says:

    Das kann man dann aber auch noch weiterführen. Um erfolgreich zu sein, braucht die “Musikindustrie” aber auch die Medien! Da hat die “Musikindustrie” dann ein gemeinsames Interesse mit jeder anderen “Industrie”, die gerne die öffentliche Meinung manipulieren möchte und dafür auf möglichst zentralistische und hirarchische Strukturen in der Medienlandschaft setzt. Es geht darum (weiterhin) die öffentliche Meinung umfangreich und gezielt manipulieren zu können. Wie ging das bisher? Da wären vor allem die klassischen Verlage und Fernseh-/Medienkonzerne zu sehen (inclusive der Öffentlich-Rechtlichen), die zwar in Deutschland nicht ganz so zentralistisch sind wie beispielsweise in Italien, die sich aber doch in nicht allzu vielen Händen konzentrieren. Und die bestimmen auch heute noch mehr oder weniger die öffentliche Meinung. Diese Medienkonzerne tun immer so, als hätten sie ein Problem mit Google. Ich glaube, die verstehen sich eigentlich ganz gut. Google ist ja nicht deren Konkurrent sondern die Blogsphäre. Warum werden Blogs bei Google News nicht gelistet? Leider hat die Blogsphäre besonders in Deutschland noch eine Außenseiterposition. Und das soll auch so bleiben, wenn es nach denen geht.

    Daher ist es echt ein Witz, wenn in einem dieser Verlage heute immer noch so ein Artikel erscheint, der so tut, als würde die “Musikindustrie” hier irgendwas falsch machen. Das zeigt, dass hier die Diskussion einfach nicht weitergekommen ist. Und zwar genau wegen denen, die solche Artikel veröffentlichen.

  2. Tom says:

    Naja, das hat auch zwei Seiten: einerseits die “altmodischen” Verlagshäuser, die im Internet (wie einstmals im Fernsehen) den Teufel selber sehen und es absolut nicht ertragen können, wenn jemand wie eben Google anhand “ihrer” Inhalte Geld verdient, ohne dass sie ihm die Preise dafür diktieren können, selbst, wenn sie selbst am meisten davon profitieren, im Netz gefunden zu werden (die Dreistigkeit, Nachrichten als “geistiges Eigentum” zu bezeichnen, mal ganz ausser Acht gelasssen); andererseits die konsolidierten Medien a la CBS, BMG oder Murdoch-Lansky-Bande. Letztere habe ich mal einfach mit unter das “Content-Kartell” fallen lassen, denn die Eigentumsverhältnisse sehen genau so aus und über deren “Programm” brauche wohl ich kein Wort zu verlieren.

  3. musikdieb says:

    An “altmodische” Verlagshäuser, die heute noch im Internet den Teufel selbst sehen glaube ich genausowenig mehr wie an Majorlabels, die das Internet immer noch nicht verstanden haben. Nee nee – das ist doch genau die gleiche Strategie…

    Die Beeinflussung der Medien seitens der Industrie erfolgt ja hauptsächlich durch PR Agenturen, Spin Doctors etc. ( http://www.prwatch.org/books/experts.html ). Daher ist es ihnen egal, ob dieser oder jener Verlag das Rennen macht. Hauptsache, es werden nicht allzu viele. Und da haben die alle ein gemeinsames Interesse!

Da könnte ja jeder kommen und kommentieren!